Michael Otten | Sandra Tänzer

Kind sein was bedeutet das?

Im Sachunterricht über Kindheit und Kindsein nachdenken

Warum bin ich so, wie ich bin? Was unterscheidet mich von anderen? Solche Fragen zu ihrer Identität beschäftigen Kinder im Grundschulalter. Anhand des Themas „Kind sein können sie ihnen im Sachunterricht aus verschiedenen Blickwinkeln nachgehen und dabei etwas über die Bedingungen von Kindheit zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen sozialen Rahmungen erfahren.

„Vergesst das Unvergessliche nicht!, ruft Erich Kästner uns Leserinnen und Lesern in seinen Kindheitserinnerungen „Als ich ein kleiner Junge war zu (Kästner 1977, S. 12, s. Kasten). Und er meint mit dem Unvergesslichen die Kindheit jene Lebensphase, über deren Verständnis verschiedene Grundmodelle vorliegen (Behnken 2003): (1) „Kindheit als die ganz andere Lebensphase (ebd., S. 23), dem Erwachsenenleben gegenübergestellt und in Phänomenen wie „Spielen und Lernen, Unschuld und Freiheit (ebd.) verdichtet, (2) „Kindheit als marginale Vorphase vor dem eigentlichen Leben (ebd.), die unter anderem durch Unwissenheit und Abhängigkeit gekennzeichnet ist, (3) „Kindheit als basale Grundlage für künftige Lebensphasen (ebd., S. 24), eine Zeit des Lernens und der Entwicklung, die den Grundstein für das weitere Leben legt, oder (4) „Kindheit als historische Generation mit eigenem Profil (ebd.).
Als ich ein kleiner Junge war
Als ich ein kleiner Junge war
Als ich ein kleiner Junge war, trabte ich, morgens vor der Schule, zum Konsumverein in die Grenadierstraße. „Anderthalb Liter Petroleum und ein frisches Vierpfundbrot, zweite Sorte, sagte ich zur Verkäuferin. Dann rannte ich mit dem Wechselgeld, den Rabattmarken, dem Brot und der schwappenden Kanne weiter. Vor den zwinkernden Gaslaternen tanzten die Schneeflocken. Der Frost nähte mir mit feinen Nadelstichen die Nasenlöcher zu. Jetzt gings zu Fleischermeister Kießling. „Bitte, ein Viertelpfund hausschlachtene Blut- und Leberwurst, halb und halb! Und nun in den Grünkramladen, zu Frau Kletsch. „Ein Stück Butter und sechs Pfund Kartoffeln. Einen schönen Gruß, und die letzten waren erfroren! Und dann nach Hause! Mit Brot, Petroleum, Wurst, Butter und Kartoffeln! [] Und dann gabs, am Küchentisch, eine Tasse Malzkaffee, mit Karlsbader Feigenzusatz, und den warmen Brotkanten, das „Ränftchen, mit frischer Butter. Und der gepackte Schulranzen stand im Flur und trat ungeduldig von einem Bein aufs andre. „Seitdem sind mehr als fünfzig Jahre vergangen, erklärt nüchtern der Kalender[] „Nein! ruft die Erinnerung und schüttelt die Locken. „Es war gestern! Und lächelnd fügt sie, leise, hinzu: „Oder allerhöchstens vorgestern. Wer hat Unrecht? Beide haben Recht. Es gibt zweierlei Zeit. Die eine kann man mit der Elle messen [] Wie man Straßen und Grundstücke ausmisst. Unsere Erinnerung aber, die andere Zeitrechnung, hat mit Meter und Monat, mit Jahrzehnt und Hektar nichts zu schaffen. Alt ist, was man vergessen hat. Und das Unvergessliche war gestern. Der Maßstab ist nicht die Uhr, sondern der Wert. Und das Wertvollste, ob lustig oder traurig, ist die Kindheit. Vergesst das Unvergessliche nicht! Diesen Rat kann man, glaub ich, nicht früh genug geben.
aus: Erich Kästner: Als ich ein kleiner Junge war, Cecilie Dressler Verlag, S. 11/12
Dieses Heft schließt an das Modell der Kindheit als einer historischen Generation mit eigenem Profil an. Es rückt Kinderalltag und Erfahrungen des Kindseins innerhalb der generationalen Ordnung in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und versteht sich vor diesem Hintergrund als Einladung, gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern über die Situation von Kindern nachzudenken und intergenerationelle Aushandlungsprozesse zu thematisieren. „Kinder erheben gar nicht erst den Anspruch, das Erwachsenenleben zu kennen, während Erwachsene stets zu wissen glauben, was es bedeutet, ein Kind zu sein, schreibt Sarah Alexi in ihrer Studie...

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