Friederike Heinzel

Kindheit und Kinderleben

Der Blick der Forschung auf Kindheit und Grundschule heute

Die Autorin dieses Beitrags, Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Kassel, ist sowohl in der Kindheits- als auch in der Grundschulforschung tätig und verbindet beides miteinander. Hier gibt sie einen Überblick über den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Betrachtung von Kindheit im Grundschulalter und von Kindern in der Grundschule.

Das Kinderleben wird im Rahmen der historischen, soziologischen und erziehungswissenschaftlichen Kindheitsforschung untersucht. Untersuchungen zum Kinderleben fragen nicht nach der Entwicklung von Kindern, es geht vielmehr um die Erfassung der Perspektiven von Kindern auf ihre Lebenswelt. Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Lebenswelten von Kindern werden dabei sichtbar gemacht.
Die Studie „Der Lebensraum des Großstadtkindes von Martha Muchow, die 1935 veröffentlicht wurde, gilt als Pionierarbeit zur Untersuchung des Kinderlebens (s. Magazin S. 40). Die Beobachtungen von Martha Muchow zeigen, wie Kinder die sie umgebende Welt sehen, interpretieren und mitgestalten (Muchow & Muchow 2012).
Schlagwort „Veränderte Kindheit
Unter dem Schlagwort „Veränderte Kindheit wurde seit den 1980er-Jahren in der Grundschulpädagogik ein Diskurs geführt, der den weitreichenden gesellschaftlichen „Modernisierungsschub problematisierte. Die Darstellungen zum Wandel des Kinderlebens bezogen sich auf Familienkonstellationen (Veränderung von Familienformen, Berufstätigkeit beider Eltern), auf freieres Erziehungsverhalten (Liberalisierung des elterlichen Erziehungsstils), auf Freizeitgestaltung („Terminkindheit), auf die räumliche Lebenswelt der Kinder („Verhäuslichung und Verinselung der Kindheit), den Umgang mit Medien („Mediatisierung von Kindheit) und Kindheit in der Migrationsgesellschaft („Multikulturelle Kindheit) (vgl. u.a. Fölling-Albers 1992). Vor diesem Hintergrund wurde eine zunehmende Vielfalt von Kindheitsmustern und eine damit verbundene Zunahme von Entwicklungsunterschieden konstatiert. In der Grundschulpädagogik wurden in der Folge Forderungen nach einer Öffnung des Unterrichts, nach Kompetenzorientierung und nach individualisiertem Lernen mit der „Veränderten Kindheit und den heterogenen Lernausgangslagen der Kinder begründet.
Allerdings belegen verschiedene Studien, dass die Individualisierung des Unterrichts nicht immer zu den erhofften Lernerfolgen führt (Breidenstein & Rademacher 2017). Untersuchungen zum Kinderleben und Schülerhandeln in der Grundschule verweisen auf vielfältige Schülerpraktiken, die im Rahmen der Unterrichtsordnung ausgebildet werden, und auf ein aktives Sozialleben in Schulklassen, das in unterschiedlichen Unterrichtsordnungen seinen eigenen Sinn entfaltet.
Zugänge zum Kinderleben
Um Perspektiven von Kindern auf ihre Lebenswelt zu erfassen, ist es möglich, Kinder schriftlich oder mündlich zu befragen, Kinder können beobachtet werden und Dokumente (wie z.B. Briefe, Nachrichten, Bilder, Filme, Kritzeleien, Gerichtsakten, Gutachten, Diagnosen u.Ä.) können untersucht werden. Intensiv wird in der Kindheitsforschung diskutiert, welche Verfahren der Datenerhebung unter Beteiligung von Kindern realisiert werden können und welche Herausforderungen damit einhergehen. Ein komplexes Verfahren sind beispielsweise partizipative Quartiersbegehungen, in denen Kinder Forscherinnen und Forscher durch ihren Stadtteil führen und dabei über ihre Erlebnisse und Einschätzungen sprechen. Diese Erhebungsform kann als „walk and talk (Storck, Heinzel, Kreher & Rothe 2019, S.468) verstanden werden. Ihr Ziel besteht darin, möglichst viel über Bewegungen, Aktivitäten und sozialräumliche Handlungspraxen der beteiligten Kinder zu erfahren. Ergebnisse zeigen, dass die Kinder sowohl für sie subjektiv bedeutsame Orte als auch als prestigeträchtig erachtete Plätze aus ihrer alltäglichen Lebenswelt...

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