1. – 4. Schuljahr

Claudia Schomaker | Sandra Tänzer

Kindheitserinnerungen

Über sich erzählen, sich von anderen über sich erzählen lassen

Eigene Erinnerungen und die Erinnerungen anderer zur eigenen Person sind wichtig für die Identität. Die Kinder beschäftigen sich mit unterschiedlichen Zugängen zu Erinnerungen über Erzählungen und andere Formen des Erinnerns.

Die Erinnerungsfähigkeit ist es, die uns „Menschen erst zu Menschen macht. Ohne sie könnten wir kein Selbst aufbauen und nicht mit anderen als individuelle Personen kommunizieren. Auch wenn sie es nicht immer sind, müssen wir unsere Erinnerungen doch für wahr halten, weil sie der Stoff sind, aus dem Erfahrungen, Beziehungen und vor allem das Bild der eigenen Identität gemacht ist (Assmann 2001, S. 103f.).
Wortspeicher
Wortspeicher
  • die Erinnerung
  • sich erinnern
  • die Kindheit
  • die Erzählung
  • erzählen
  • die eigene Lebensgeschichte
Gerade das Grundschulalter ist eine bedeutsame Phase für die Entwicklung der Erinnerungsfähigkeit und des autobiografischen Gedächtnisses jenem Ort, an dem unsere Erinnerungen repräsentiert sind (Schneider & Lindenberger 2018, S.428). Neuere psychologische Studien haben gezeigt, dass die Gedächtnismöglichkeiten junger Kinder nicht nur unterschätzt wurden und schon Vorschulkinder Erlebnisse besonders, wenn es wiederkehrende und für sie bedeutsame Ereignisse sind längerfristig im Langzeitgedächtnis abspeichern können. Sie unterstreichen vor allem, dass vom späten Kindergarten- bis zum späten Grundschulalter der größte Leistungszuwachs in diesem Bereich zu verzeichnen ist (ebd., S. 432).
An diesem Punkt setzt unser Beitrag an. Er lädt Kinder dazu ein, der eigenen Lebensgeschichte nachzuspüren, zu „Archäologen ihres Selbst (Mattenklott 2016, S. 206) zu werden und für sie bedeutsame Ereignisse und Erlebnisse durch Erzählen dem Vergessen zu entreißen, aufzubewahren und in ihrer Bedeutung für sich selbst zu reflektieren (s. auch Wissen kompakt).
Wissen kompakt: Zur Bedeutung von Erinnerungen
Wissen kompakt: Zur Bedeutung von Erinnerungen
„Ohne Erinnerung bleiben, wenn wir ein Leben in einer stabilen friedlichen Gesellschaft führen durften, eine Geburtsurkunde, der Impfpass, vielleicht ein paar Schulzeugnisse und eine Heiratsurkunde, der Steuerbescheid. Die Unterlagen, wenn sie nicht gefälscht sind, belegen einige Daten. Unser Leben aber geht in diesen Daten nicht auf, dafür haben wir die unzuverlässige Erinnerung (Mattenklott 2016, S. 203). Mit ihr und durch sie wird überhaupt erst geschaffen, worauf der Blick gerichtet wird: unser Leben (vgl. ebd., S. 206). Das macht sie individuell, perspektivisch und unaustauschbar (Assmann 2001, S. 117).
Was sind Erinnerungen?
Erinnerungen sind für sich genommen einzelne Szenen oder Bilder, die erst durch das Erzählen geformt, geordnet und strukturiert werden. Sie können einerseits absichtsvoll herbeigeführt werden, tauchen zuweilen jedoch unwillkürlich auch unwillkommen auf, drängen sich auf und wollen bewältigt, bearbeitet, gedeutet werden (Rüsen 2013, S. 230f.). Von beiden Fällen erzählt der neunjährige Basile in dem Film „7 oder Warum ich auf der Welt bin. Eine Frage, die sich jeder stellt, ein Leben lang (Starost & Grotjahn 2011): „Als ich ganz klein war, habe ich gerne Tauben gejagt und einmal ist eine Taube auf die Fahrbahn gelaufen und ich hinterher, da kam ein Auto ganz schnell auf mich zugerast. Ich habe mir gesagt: ‚Ah, das wars also, jetzt ist es vorbei. Und dann hat sich meine Mutter auf mich geworfen [] Manchmal, wenn ich die Orte anschaue, wo die Gestorbenen oft gewesen sind, dann sehe ich sie in der Erinnerung, in einem Flashback. Und das ist seltsam. Gerade heute sehe ich meinen toten Hund unter dem Tisch liegen. Und das macht mir etwas Angst.
Ob sich Basile an dieses lebensbedrohliche Erlebnis der Taubenjagd unmittelbar erinnert oder vielleicht an die Erzählung seiner Mutter, bleibt an dieser Stelle offen. Wir wissen aus Untersuchungen zur sogenannten...

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