Heike Blümer

Der Weg zur Nachhaltigkeit in der Textilindustrie

Interview mit Frank Hoffer, ehemaliger Geschäftsführer der Stiftung ACT

Muss man sich mit unfairen Arbeitsbedingungen und umweltschädlichen Produktionsbedingungen in der Textilindustrie abfinden? Oder gibt es vielleicht doch Wege hin zu nachhaltigen Textilien? Im Interview nennt Herr Dr. Frank Hoffer, ehemaliger Geschäftsführer der Stiftung ACT (Action, Collaboration, Transformation), ein Bündnis für existenzsichernde Löhne, konkrete Strategien und Maßnahmen in ganz unterschiedlichen Bereichen, die eine positive Veränderung bewirken könnten.

Wenn es um die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie in den Billiglohnländern geht, ist immer wieder zu hören, dass es doch gut sei, dass die Menschen dort überhaupt Geld verdienen und damit ihre Familien ernähren können. Schlechte Arbeitsbedingungen und geringe Löhne seien immer noch besser, als überhaupt keine Arbeit zu haben. Oft werden die herrschenden Bedingungen auch historisch begründet: Ein Land muss sich erst den wirtschaftlichen Aufstieg erarbeiten, und am Anfang sind die Verhältnisse eben prekär. Was entgegnet man solchen Argumenten? Oder ist da vielleicht sogar etwas Wahres dran?
Da gibt es natürlich verschiedene Fragen, die man sich stellen muss. Die Erste: Was heißt Übergangsphase? Wenn wir uns zum Beispiel die Lage in Bangladesch anschauen, dann sind die Mindestlöhne zwischen 1985 und 2018 fast nicht gestiegen. Das heißt, da gibt es schon drei Generationen von Textilarbeiterinnen und Textilarbeitern, die in dieser „Zwischenphase schwer gearbeitet haben und aus der Armut überhaupt nicht rausgekommen sind.
Die zweite Frage ist die nach den Beteiligten. Heute produzieren nicht mehr wie vor 150 Jahren arme Arbeitskräfte die billigen Textilien für andere, vergleichsweise arme Leute, sondern aufgrund der globalen Wirtschaft arbeiten meist Frauen für sehr wenig Geld, während die Nutznießenden in nicht unerheblichem Maße weitaus wohlhabendere Konsumenten und Konsumentinnen aus reicheren Ländern sind. Das bedeutet, das Ganze spielt sich nicht innerhalb einer nationalen Volkswirtschaft ab, sondern in einer globalen Wirtschaft, in welcher die Gewinner und die Verlierer in verschiedenen Ländern leben.
Die dritte Frage ist die nach der globalen Wohlstandsentwicklung. Dabei zeigt sich, dass es keine Gesetzmäßigkeiten gibt, nach denen mit der Weiterentwicklung der Märkte die Einkommen überall steigen. Es gibt nur ganz wenige Länder, die es geschafft haben, in ihrem Wohlstand zu den reichen Ländern aufzuschließen. Das sind Japan, Südkorea und ansatzweise China. Die Schere läuft also nicht insgesamt zusammen, sondern der Abstand ist für viele Länder gleich geblieben oder sogar größer geworden. Ich glaube, man kann das nicht einfach dem Automatismus des Marktes überlassen, weil dann mehrere Generationen dieses „Durchgangsstadium erleiden müssten und wir keinerlei Sicherheit oder Garantie hätten, dass es nach einer bestimmten Zeit besser wird.
Man müsste jetzt Instrumente schaffen, die bewirken, dass die Löhne ansteigen und letztendlich ein höherer Wertanteil eines Produktes bei den Menschen bleibt, die das Produkt herstellen. Wir müssten darüber nachdenken, wie wir unsere Handelspolitik gestalten. Ein Beispiel: Die Europäische Union gewährt mit dem „Alles außer Waffen-Programm den am wenigsten entwickelten Ländern die Möglichkeit, ihre Produkte zollfrei nach Europa exportieren zu können. Dies ist eine Subvention für die ärmsten Länder, in denen aufgrund des Überangebots an billigen Arbeitskräften allerdings ohnehin bereits die weltweit niedrigsten Löhne gezahlt werden. Das heißt, die EU sorgt dafür, dass dort die Produktion hingeht. Aber das bedeutet natürlich, dass die Länder, die ein wenig weiter oben in der Lohnhierarchie sind, einen massiven Lohndruck erleben, weil ihre Konkurrenten aus den ärmeren Ländern mit Niedrigstlöhnen durch den zollfreien Zugang...

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