3. – 4. Schuljahr

Heike Blümer

Von der Ahle zur Nähmaschine

Die Mechanisierung des Nähens

Schon früh in seiner Entwicklungsgeschichte hat der Mensch sich bekleidet. Kleidung damals wie heute erfüllt das Bedürfnis nach Schutz und Schmuck. Sie wird in verschiedenen Fertigungsprozessen mithilfe von durch Menschen erdachten und entwickelten Artefakten aus unterschiedlichen Materialien hergestellt und bildet so einen der ganz frühen Anwendungsbereiche von Technik.

Die Entwicklungsgeschichte der Technik des Nähens sollen die Schülerinnen und Schüler im hier vorgestellten Unterricht handlungsorientiert nachvollziehen: Sie lernen eine Ahle kennen, sie folgen dem nächsten Entwicklungsschritt, indem sie selber eine Nadel mit Öhr herstellen und damit eine Naht anfertigen, und schließlich tauchen sie ein in die Technik einer Nähmaschine. Durch diese Vorgehensweise spüren die Kinder hautnah, wie sich durch technische Entwicklungen Arbeitsprozesse verändern. Sie können aufgrund der gemachten Erfahrungen reflektieren, wie sich der Zeit- und Arbeitsaufwand und die Qualität der Arbeitsprodukte verändert haben. Durch die technische Analyse einer Haushaltsnähmaschine begreifen die Kinder die Komplexität des technischen Fortschritts von der Nadel bis zur elektrisch betriebenen Nähmaschine und können schließlich den analysierten Bewegungsablauf in der Nähmaschine auf andere Maschinen transferieren.
Von der Ahle bis zur Edelstahlnadel
Um ein Kleidungsstück herzustellen, müssen Materialien wie etwa Felle, gefilzte Tierhaare, gestrickte oder gewebte Stoffe miteinander verbunden werden. Durch eine Naht, die aus durch Löchern geführten Garnen besteht, entsteht diese Verbindung. Technisch ausgedrückt handelt es sich um eine kraftschlüssige Fügetechnik.
In den Anfängen der Nähtechnik stach man zunächst mit einem spitzen Gegenstand, einer sogenannten Stechahle, Löcher in die zu verbindenden Materialien, um dann im nächsten Schritt fadenförmige Stoffe (Tiersehnen, Gräser, Lederstreifen o.Ä.) so durch die gestochenen Löcher zu führen und am Ende zu verknoten, dass eine haltbare Verbindung entstand (s. Abb. 1 ). Als Ahle benutzte man spitze Gegenstände aus der Natur, wie beispielsweise Dornen oder Fischgräten, oder man bearbeitete Materialien wie Stein, Horn, Holz, Elfenbein oder Knochen (Parzinger 2015). In der Bronze- und Eisenzeit wurde dann auch Metall als Material verwendet.
Um den Vorgang des Stechens von Löchern und den des Durchführens des Fadens in einem Schritt zu vereinen, wurden Stechwerkzeuge mit einem Loch, dem Öhr, versehen (s. Abb. 2 und 8 ). Solche Nadeln mit Nadelöhr sind bereits ab 3000 v. Chr. nachgewiesen. Mit der Fähigkeit, Stahldrähte herzustellen, stieg die Qualität und Quantität der daraus hergestellten Nadeln erheblich.
Der Unterricht
Unter Berücksichtigung der eigenen Vorstellungen und Vermutungen vollziehen die Schülerinnen und Schüler sehr handlungsorientiert die Entwicklungsgeschichte der Nadel nach. Zunächst wird im Sitzkreis gemeinsam überlegt, ab wann und warum sich der Mensch bekleidet hat und mit welchen Materialien und Hilfsmitteln in der prähistorischen Zeit Kleidung hergestellt wurde. Das Gespräch konzentriert sich auf die Frage, wie unterschiedliche Materialien so miteinander verbunden werden können, dass ein Kleidungsstück entsteht. Die Kinder haben in der Regel bereits die Vorstellung, dass Kleidung genäht wird, und beschreiben, was vorhanden sein muss, um eine Naht auszuführen. Sie nennen die Nadel und den Faden und beschreiben, wie der Faden durch das Nadelöhr geführt werden muss. Eigene Erfahrungen mit dem Nähen werden ausgetauscht. Aber hatten die ersten Menschen bereits Nadeln? Aus welchen Materialien könnten sie bestanden haben? Welche Techniken wurden angewendet, um sie herzustellen? Die Kinder stellen Vermutungen auf und sind dabei sehr kreativ: Spitze Steine, Holzstöckchen, Knochen und Muschelsplitter werden als Materialien vermutet. Manchmal werden auch Metalle genannt. Diese Sammlung kann gegebenenfalls von der Lehrkraft durch weitere Materialien ergänzt werden. Dass die ersten verwendeten Nadeln noch kein Nadelöhr besaßen, wissen die Kinder in der Regel nicht. Diesen Hinweis gibt die Lehrkraft, führt den Begriff „Ahle...

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