Sabine Erbstößer

Was essen wir?

Lebensmittel: ein vielperspektivisches Thema

Dass Ernährung viel mit Gesundheit und Umweltschutz zu tun hat, ist Kindern im Grundschulalter zumeist bewusst. Andere Aspekte, wie Lebensmittel als Handwerkserzeugnis, als durch Kaufentscheidungen beeinflussbarer Markt, als Feld für Innovationen oder als Gegenstand historischer Betrachtung, sind ihnen womöglich weniger geläufig. Im Sachunterricht lassen sich anhand des Themas „Lebensmittel diverse sowohl lebensweltliche als auch gesellschaftliche, naturwissenschaftliche, geographische, technische und historische Perspektiven eröffnen.

Lebensmittel sind Bestandteil jeder kindlichen Lebenswelt. Gleichzeitig sind Art und Verfügbarkeit von Lebensmitteln zentrale Indikatoren für sehr verschiedene Lebenswelten. Es gibt Schätzungen, die von 2,4 Millionen von Armut betroffenen Kindern und Jugendlichen in Deutschland ausgehen1. Die Schere bewegt sich zwischen Kindern, die vor Herausforderungen wie der Verfügbarkeit von ausreichend (gesunden) Mahlzeiten stehen, und Kindern, die beim Lebensmittelkauf mitentscheiden dürfen, sich vegetarisch ernähren möchten oder stets eine große Auswahl an frischem Obst zu Hause vorfinden.
Lebensmittel sind ein komplexer Gegenstand, in jeglicher Hinsicht jedoch ein chancenreicher für den Sachunterricht. Der Perspektivrahmen Sachunterricht empfiehlt Lehrkräften explizit die Lernsituation „Gesundheit und Gesundheitsprophylaxe (GDSU 2013, S. 143) insbesondere für die Jahrgänge 1 und 2 aufgrund ihrer höchst unterschiedlichen Erfahrungen und Gewohnheiten im Kontext Ernährung: „In außerschulischen Zusammenhängen haben sie verschiedene Lebensmittel und Speisen kennengelernt, Präferenzen für bestimmte Nahrungsmittel und (u.a. kulturell beeinflusste) Ernährungsweisen entwickelt und im Normalfall erfahren, dass und (in erster Orientierung) wie Nahrungsmittel gesundheitlich bewertet werden. Dabei haben sie sicherlich oft erlebt, dass häufig geschmackliche und gesundheitliche Bewertung gegensätzlich sein können. Anknüpfend an diese Erfahrungen sollen die Kinder die Motivation entwickeln, sich gesund zu ernähren, das erforderliche Wissen darüber erwerben und insbesondere den Fett- und Zuckergehalt als gesundheitsrelevantes Kriterium zur Bewertung von Nahrungsmitteln kennenlernen, diesbezüglich Nahrungsmittel unterscheiden und ein gesundes Frühstück zusammenstellen bzw. zubereiten können (ebd.).
Sich mit Lebensmitteln vielperspektivisch auseinanderzusetzen bedeutet jedoch mehr, als gesundheitliche Aspekte erfassen und anwenden zu können. Die Welt, in der Kinder heute aufwachsen, stellt im Umgang mit Lebensmitteln immer komplexere Ansprüche: Klimawandel und Ressourcenknappheit, soziale Schere, Digitalisierung und Globalisierung und eben jene Gesundheitsförderung. Diese und weitere Aspekte beeinflussen Konsumenten und Konsumentinnen, auch kindliche. Die Beiträge im Heft versuchen, jeweils einen Ausschnitt dieser Komplexität ins Zentrum zu rücken und ausgewählte Lebensmittel oder Ernährungsweisen aus mehreren Perspektiven zu betrachten, die lebensweltliche Ausgangspunkte schaffen und fachliche Dimensionen der großen gesellschaftlichen Problemlagen integrieren.
Das erste Lebensmittel im vorliegenden Heft ist der Joghurt2. Jaqueline Simon und Sabine Erbstößer fokussieren den Joghurt zunächst als lebensweltlichen Alltagsgegenstand, der vermutlich eine große Popularität besitzt, und der sich darüber hinaus ohne großen Aufwand selber herstellen lässt. Hier soll die Dimension Nachhaltigkeit exemplarisch konkret erfahrbar werden: Fermentation als Verfahren zur Herstellung verschiedener Lebensmittel schafft im eigenen Haushalt Möglichkeiten zur Müllreduktion, Kosteneinsparung und sichert die Kenntnis von Inhaltsstoffen. Gleichzeitig kann anhand des Verfahrens der Gesundheitsaspekt demonstriert werden, denn die entscheidend beteiligten Bakterien dienen der Gesundheitsförderung. Wie sich Kinder über ihren...

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